| Jazzherbst Konstanz | |
Jazz & improvisierte zeitgenössische Musik in Konstanz |
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26.10.2006
Ein Duo so recht zur Eröffnung des 27. Konstanzer Jazzherbst. Hintergründige, nachdenklich machende, provozierende und mitreißende Töne. Es ist eine Musik, die sich mit jeder Sequenz, die man gehört hat und mit jeder Wiederholung weiter öffnet. Eine unaufgeregte aber doch aufregende Erarbeitung ihrer sehr eigenständigen musikalischen Farbigkeit. Piano, Posaune und Alphorn bewegen sich auf eigenen, verschlungenen Wegen. Beide lassen bisweilen geradezu besinnlich Einflüsse aus dem frühen Swing einfließen, das alerte Spiel der beiden Stimmen ergänzt sich mitunter in gleichsam barocker Polyphonie, immer mit großem gegenseitigem Einfühlungsvermögen. In den tieferen Registern des Klaviers erklingen Linien oder schillernde Akkorde, wie man sie von Thelonious Monk kennt. Die beiden Musikerinnen fanden sich 1991 zu dem Duo zusammen. Eher zufällig. Aber es zeigte sich bald, dass sie sich musikalisch gut ergänzten. Ihre bisher einzige CD “Intervista“, vor 4 Jahren erschienen, ist eine Art Werkschau ihrer Improvisationskunst (Zit. Ueli Bernays, NZZ). Es war an der Zeit, dieses musikalische Kleinod über die Grenze
zu holen und es im Rahmen des Festavals deutlich hörbar zu machen.
Wer diese Musiker schon einmal gehört hat, wird sich die Chance nicht entgehen lassen, sie zusammen in diesem Trio wieder zu hören. Das Projekt des Schlagzeugers Samuel Rohrer ist das zweite Kleinod des Eröffnungsabends. In hochintensiver Trio-Interaktion mit Ausflügen in den Free-Bereich, konzentriertem Zusammenspiel und bemerkenswertem Gefühl für Stimmungsnuancen hat Rohrer seine vor allem melodisch ausdrucksvollen Kompositionen für den Klarinettisten Claudio Puntin entworfen, dessen Spiel bis zum letzten Ton berührt und gefangen nimmt (Jazzthing). Wie ein unruhiger Geist streicht Rohrer um die beiden Toninstrumente
herum, unentwegt damit beschäftigt, hier etwas aufzureißen,
dort ein Loch zu stopfen, das fragile Gewebe Musik in Vibration zu
halten. Er hat sich und seinen Triopartnern eine Art Suite auf den
Leib geschrieben, in der die Aggregatszustände im Verlaufe der
15 Miniaturen laufend wechseln. Rohrer selbst, der auf dem Drum-Set
zuweilen wunderbar zu «singen» versteht, bezeichnet diese
Zustände als fest, flüssig und gasförmig. 27.10.2006
So hat man eine Zither noch nie gehört. In einem elektronisch verstärkten Umfeld, satt, mächtig zupackend, zirpend und rhytmustreibend. Die Zither entdeckte Christof Dienz, als er für die Klangspuren in Schwaz mit der Komposition eines Zitherstückes beauftragt wurde. Weil die Uraufführung unbefriedigend war, beschloß er selber Zither zu spielen. Und weil er es nicht kann, ist es gerade der Reiz für ihn, es doch zu tun. Mit neuen Spieltechniken entlockt er dem Instrument ungeahnte Sounds. Christof Dienz komponiert für ganz kleine bis ganz grosse Besetzungen, als Bandleader bereiste er mit ‘KNÖDEL‘ die Welt und als Fagottist spielte er in der Wiener Staatsoper. Ausgerüstet mit einem Loopgenerator
und verschiedensten Werkzeugen (z. B. Büroklammern, Stimmgabeln,
Holzstäben, etc ) gibt
er Solokonzerte und spielt in verschiedensten Formationen u.a. mit
Marc Ribot, Richard Dorfmeister, DJ DSL, Rupert Huber, Hannes Strobl,
Christian Martinek, Wolfgang Puschnig, Lukas Ligeti, Hubl Greiner,
Pavel Fajt, Lorenz Raab und vielen mehr. Nun liegt das Zither-Werk
in CD-Form vor (Dienz zithered, GECO).
Scheinbar ganz passend zum Trend der Zeit: man befasse sich mit Mozart und schon ist man hipp. Aber Vorsicht. Die Gruppe konfrontiert Mozart, besser seine musikalische Genialität und Melodien, mit dem zeitgenössischen Musikgetriebe und bezieht damit ihren spezifischen künstlerischen Standpunkt zur Musik und zur Person Mozart. PopUp MoZart ist die elektronische Entdeckung und Erweckung Mozarts
in Laptop-Sounds und Loops. Originalzitate werden mit Cover-Versionen
gemixt, Soundcluster zerhackstückt und ganz neue Hörweisen
hervorgebracht.
Am Ende des zweiten Abends, schon mitten in der Nacht, doch genau passend. Eventuell aufkommende Müdigkeit wird von diesen vier Powermusikern einfach davongeblasen. Heftig, selten Atem holend, sich mächtig gegen jede Schublade stemmend jagt Das Böse Ding durch ein Inferno aus Post-Free-Rock-Jazz. Erinnerungen an Soft Machine
und King Crimson oder „Manic Depression“ von Hendrix werden
konsequent aufgebrochen, von schön-schaurigen Saxophonmelodien
umschmeichelt, durch kraftvolle Rhythmen. Eine clevere, enorm vielfältige
Musik, die mit ihrem wilden Mix von Blues bis Punk-Jazz eine eigene
Abteilung belegt (Jazzthing). 28.10.2006
„Meine Konzerte befassen sich insbesondere mit dem Aspekt der Musik als Struktur in der Zeit. Alle Konzentration richtet sich auf den Moment des Entstehens. Emphase oder Dramaturgie werden immer wieder gebrochen und in einem neuen Impuls fortgeführt, wobei die Unversehrtheit des musikalischen Laufs konstanter Bezugspunkt ist. Die Verwendung moderner oder selbst entwickelter Spieltechniken geht weit über das verbreitete Blasmusikklischee hinaus, mit dem die Tuba immer wieder in Verbindung gebracht wird. Ein innovatives Klangfeld breitet sich
aus, die Tuba wird aus einer neuen Perspektive dargestellt und das
Publikum erfährt ein ungewohntes Zeitempfinden“ (Originalzitat
CL Hübsch).
Musikalisch verbindet das Satoko Fujii Quartet Avantgarde-Jazz mit zeitgenössischer E-Musik und progressivem Rock. Hochenergetisches expressives Spiel wechselt mit dichten, klaren Strukturen und zarten Melodien. Das internationale Lob gebührt in erster Linie Satoko Fujii, die schon 2001 von der Jazz Journalist‘s Association zum „Best Composer“ auserkoren wurde. Ihr Spiel bewegt sich irgendwo zwischen Cecil Taylor, Keith Jarrett und Myra Melford. Satoko Fujii ist eine der herausragenden Interpretinnen des improvisierten Jazz. Ihr Klavierspiel erreicht darin einen unglaublichen Grad an Virtuosität. In ihrem Quartett spielt ihr Mann, der Trompeter Natsuki Tamura, der zu den klanglichen Forschungsreisen eine natürlich anmutende Lyrik beisteuert sowie der Bassist Takeharu Hayakawa, der aus dem Umfeld von John Zorn, Aki Takase und der Dr. Umezu Band bekannt ist. Er bereichert
das Quartett mit Einflüssen aus Funk, R&B, World und Hiphop.
Schlagzeuger Tatsuya Yoshida war der Gründer der legendären
Ruins, einer Band zwischen zeitgenössischer Musik, Hardcore und
progressiven Rock. Aktuelle CDs: Angelona (Libra Records 2005) und
Fragment (Libra Records 2004). 29.10.2006 SAKURA
ENSEMBLE (D) (Sakura – jap. die Frühlingsblüte) Ein Ziel des Streichertrios ist es, sich mit der Literatur der Musikgeschichte immer wieder auch kammermusikalisch auseinander zu setzen, denn „aus Orchesterperspektive kenne man sie schon sehr gut“. – Das verspricht Klangtransparenz und Kompaktheit eines kleinen Ensembles als Variante zum klangmächtigen und voluminösen Orchester. Sakura spielt die Goldberg-Variationen von J.S.Bach in einer Transkription für Streichtrio von Dmitry Sitkovetsky.
Underkarl, eine ungewöhnlich beständige und erfolgreiche Formation der deutschen Jazz-Szene, bislang bekannt durch Kreuzfahrten durch die Tiefen und Untiefen des Rock, Jazz, Pop, Dancegrooves usw., verwirklicht mit seiner Interpretation der Goldbergvariationen ein Projekt ohne zeitgeistiges Schielen und mit allem Respekt vor der Genialität J.S. Bachs. Typisch Underkarl, dass auch hier eine schlüssige Mischung gefunden
wird, die den Respekt vor der Ur-Musik ebensowenig missen lässt,
wie die Freude daran, das als „Clavier-Übung“ gedachte
Material auf zeitgenössische Weise zu verarbeiten. |
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